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Räume – Der fotografierte Sprachraum als Expression

Meine aktuelle Ausstellung im Atelier Meerkatze in Königswinter vom 7. – 24. September 2019.
Eröffnung der Ausstellung am Samstag, 7. September 2019, 18 Uhr.
Das hier gezeigte Video des Künstlerkanals gibt eine gute Einführung in mein Fotoprojekt.

Am Ende des Artikel sind 33, jeweils in 3er-Serien, der insgesamt 54 Arbeiten zu sehen

Dazu eine Besprechung von
Pascal Heß, Kunsthistoriker aus Frankfurt am Main

In dem Zeitraum von Juni 2017 bis Juli 2018 hat Uwe Nölke ein Fotografie-Projekt zum Thema „Raum“ auf Instagram betrieben. Nölke wurde eigentlich in der klassischen Fotografie – ehemals analog und nun digital – ausgebildet. Er gehört damit zu dem Kreis an Fotografen, die seit einiger Zeit beginnen, sich die Fotoplattform nutzbar zu machen und gleichzeitig mit den dort vorhandenen Limitierungen zu arbeiten. Der Grundidee von Instagram folgend sind die Aufnahmen allesamt mit dem Smartphone entstanden, in diesem Fall ein iPhone, und Nölke hat die Bilder mit dem iPad bearbeitet. Die äußere Struktur für die Serie bilden also die technischen Möglichkeiten der Geräte, die zur Verfügung stehenden Bearbeitungsmöglichkeiten und die Präsentationsmöglichkeiten in der App. Ihnen folgend steht bei einer Serie nicht nur das Foto, sondern auch das Kuratieren des Gesamtprojektes im Mittelpunkt.

An äußeren Limitierungen hat Uwe Nölke das Thema „Raum“ gewählt, das sich in unterschiedlichsten Manifestationen in der Serie niederschlägt. Das beginnt mit dem Digitalraum in dem er arbeitet und auch präsentiert und setzt sich im Zeitraum von einem Jahr fort. Während die meisten Instagramprofile fortschreibende Erzählungen bilden, hat Nölke Anfang und Ende benannt und damit zukünftige Fotos zur Serie ausgeschlossen. Neben dem Zeitraum bildet die Präsentationsmöglichkeit eine Art Galerieraum aus. Der Bildraum ist qua Instagram auf das Quadrat festgelegt und die Anordnung im Profil in Dreiergruppen legt die Zerlegung in Themenräume aus je drei Aufnahmen nahe. Die Fotografien selbst wiederum zeigen keine Porträts sondern folgen dem Gesamtkonzept indem sie Architekturräume abbilden. Mit kleinen Auflagen von 20 Exemplaren je Motiv in der Größe von 30 x 30 cm stehen die Arbeiten nun auch im realen Raum zur Verfügung. Sie sind geprintet als Inkjet Fine Art Print, kaschiert mit Mattfolie auf 3 mm Aludibond und mit einem Rahmen aus weisser Erle mit 1 mm Schattenfuge gefasst.

Bisher haben sich Künstler und Kritiker vor allem mit dem Spannungsfeld von Narzissmus, Realität, Spontaneität, Fotografie und Kunst bei Instagram beschäftigt. Trotz aller technischen Möglichkeiten müssen die Fotografien aber noch immer mit Hashtags verschlagwortet werden. Der Zugang zum Sehen ist auch bei Instagram die Sprache. Just auf diese kaum beachtete Limitierung hat sich Nölke konzentriert, in dem er den Sprachraum zum Grundkonzept für seine Serie macht. Zwei Kriterien sind für seine Fotografien maßgebend: Die Motive mussten ihm zufällig begegnen, er ist ihnen nicht nachgereist, und das Motiv musste einen Sprachbezug zum Thema „Raum“ entwickeln. Dabei hat er durchaus nichtarchitektonische Begriffe wie „Hubraum“ mit architektonischen Räumen illustriert.

Innerhalb dieser Strukturen hat Nölke in den Fotografien unterschiedliche Strategien verfolgt, die bisweilen Paradoxien im Erleben und Fotografieren von Raum, aber auch im Umgang mit Instagram offenlegen.

Die angebliche Spontaneität und Geschwindigkeit des geposteten Fotos hat er zum Beispiel durch unterschiedliche und wiederkehrende zeitaufwendige Gestaltungen hinterfragt. Alle Bilder sind stets aus einer strengen Zentralperspektive aufgenommen worden. Die Positionierung des Fotografen kann ebensowenig spontan sein wie die oft auftauchenden, tief hängenden Himmel, z.B. in der Dreiergruppe Lebensraum, Lagerraum und Wirtschaftsraum. Die drückenden Wolken verstärken die räumliche Tiefe und sind in allen drei Motiven durch die offensichtliche, intensive Bearbeitung der Fotos mit diversen Filtern fast bis ins Unwirkliche verändert.

Neben dieser gestalterischen Gemeinsamkeit untersucht diese Dreiergruppe sprachlich die grundlegenden Räume einer zeitgenössischen Gesellschaft. Das Wohnhaus als Lebensraum – paradoxerweise ländlich und verlassen – wird mit einem Haus in Worpswede als Wirtschaftsraum – Scheune, Stall und Wohnhaus zugleich – verbunden. Außer wohnen und erwirtschaften zeichnet auch horten und vermehren eine marktwirtschaftliche Gesellschaft aus: Der Lagerraum ist in einem landwirtschaftlichen Gebäude markiert.

Auch andere Dreiergruppen werden durch weitere formalästhetische Gestaltungsmerkmale wie die Wolken charakterisiert. Die großen Korbbögen bilden zum Beispiel die Leitstruktur der Trias Musikraum, Torraum, Klangraum und die Farbe Rot ist die Gemeinsamkeit von Nassraum, Vorraum, Partyraum.

Jenseits der gestalterischen Aspekte überraschen einige der Arbeiten durch unerwartete Assoziationen von Bild und Sprache. Wer bei Hubraum an Motoren denkt, sieht sich in der Fotografie mit Aufzügen konfrontiert, die sich in ihren Schächten ebenso heben und senken wie Zylinder. Auch Raumfahrt hat hier nicht zwingend etwas mit dem Weltall zu tun. Der zentralperspektivische Blick in eine S-Bahn nimmt das Wort beim ursprünglichen Sinne und zeigt einen Raum auf Fahrt.
Manche der Fotografien entwickeln alleine eine eigene, fast poetische Struktur. Zweiraum als Begriff für eine Zweizimmer-Wohnung zeigt ein großes weißes Mietshaus im Hintergrund. Vor dem Haus ist zudem ein Graffiti mit zwei Glockenstühlen auf einer verputzten Wand zu sehen. Sie sind der eigentliche Zweiraum. Die sich weit öffnende Landschaft im Hintergrund des Graffitis und die fehlende Motivbegrenzung links und rechts wirken auf den ersten Blick so verwirrend, dass nicht klar ist, wie das Bild räumlich in Vorder- und Hintergrund zu sortieren ist. Die zwei großen, bogenförmigen, grauen Absetzungen im Hintergrund verstärken diesen Eindruck.

Das Motiv Zwischenraum fokussiert stattdessen nicht die große Backsteinkirche als Sehenswürdigkeit, sondern das kleine, unbeachtete Fachwerkhaus im Schatten des großen Gebäudes. Es wendet die Aufmerksamkeit auf das Unscheinbare.
Wie ein Versprechen oder eine Einladung wirkt stattdessen die offene Tür auf dem fast achsensymmetrischen, stillen und menschenleeren Bild Stauraum. Auch Parkraum arbeitet mit einer solchen Isolation: Auf dem Dach eines brutalistischen Gebäudes steht ein einziges Auto inmitten zahlreicher rechter Winkel und kastiger Strukturen. Hier fällt ein dramatischer, oranger Himmel auf, der im Bild keine rechte Entsprechung finden will. Überhaupt sind die deutlichen Farbkontraste, überscharfen Strukturen und nach außen verschatteten Vignetten auffallend. Im Gespräch sagte Uwe Nölke: „Durch die Bearbeitungen lenke ich die Blicke und interpretiere die Wahrnehmungen des Betrachters“.

Das mag vielleicht der letzte Schlüssel zu der Serie „Räume“ von Uwe Nölke sein: Die Idee von Neutralität und Dokumentation, die der Fotografie noch immer gelegentlich anhaftet und die durch die vermeintlich neutrale Zentralperspektive verstärkt wird, ist zugunsten der offensichtlichen Interpretation durch Bearbeitung aufgehoben. Was bleibt, ist der Blick, der Ausdruck, die Empfindung des Fotografen und die Frage, wie er die Welt sieht. Was bleibt, ist eine kuratierte Form eines fotografischen Expressionismus.

Fotoprojekt Räume Fotograf Uwe Nölke 01
Fotoprojekt Räume Fotograf Uwe Nölke 02
Fotoprojekt Räume Fotograf Uwe Nölke 03
Fotoprojekt Räume Fotograf Uwe Nölke 04
Fotoprojekt Räume Fotograf Uwe Nölke 05
Fotoprojekt Räume Fotograf Uwe Nölke 06
Fotoprojekt Räume Fotograf Uwe Nölke 07
Fotoprojekt Räume Fotograf Uwe Nölke 08
Fotoprojekt Räume Fotograf Uwe Nölke 09
Fotoprojekt Räume Fotograf Uwe Nölke 10
Fotoprojekt Räume Fotograf Uwe Nölke 11

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